
Kamerunreise zum Golden Jubilee der CWF
Reise vom vom 17.11 bis 5. 12 2011 zum 50 Jahr Jubiläum der Frauenbewegung CWF der Presbyterian Church in Cameroon PCC
Information: Die Christian Women's Fellowship (CWF) bildet das Rückgrat der Presbyterianischen Kirche in Kamerun (PCC). Sie ist eine ständig wachsende Bewegung, die ihre 44'000 Mitglieder in rund 980 Frauengruppen stärkt und ihnen Gemeinschaft und Heimat bietet. Ein vielfältiges Kursangebot unterstützt die Frauen, die grosse Belastung durch Kindererziehung, Haushalt und Arbeit zu bewältigen sowie ihre finanzielle Abhängigkeit zu vermindern.
Bericht: Ein Gedränge und Geschiebe erwartete uns am internationalen Flughafen von Douala wie eh und je. Die tropische Schwüle wurde nur leicht gemildert, weil das Gebäude teilweise klimatisiert ist.
Am Ausgang wurden wir durch die Frauengruppe von New Town in Douala aufs herzlichste willkommen geheissen. Während starke Männer unsere Koffer, Taschen und Kisten auf das Dach eines Busses hieven und festzurren, sangen uns die Frauen unter der Leitung von Mrs Catherine Chofor die Hymne zur Jubiläumsfeier, mit einer Kraft in ihren Stimmen, die sogar den üblichen Lärm und das Geschrei der Gepäckträger übertönte.
Alle von uns erhielten als Willkommensgruss ein Blumengesteck überreicht. Durch die Fenster des Busses versuchten wir in der Dunkelheit die ersten Eindrücke dieser Stadt zu erhaschen und nach relativ kurzer Fahrt erreichten wir die erste Übernachtungsmöglichkeit in der Baptistenmission in Douala. Die Anspannung liess spürbar nach, als alle ihre Betten zugeteilt und einen Happen zu essen bekommen hatten.
Nach einer ungestörten und ruhigen Nacht trafen wir uns alle im Freien wieder. Einige kämpften noch mit leicht steifen Gliedern während andere sich bereits ein Erfrischungsbad im Pool gönnten. Nachdem sich alle an den köstlichen Früchten, nebst einem ordentlichen Frühstück gestärkt hatten, konnten wir unsere mitgebrachten Euros in CFA’s wechseln lassen. Während wir darauf warteten, erkundeten wir die Flora und Fauna um uns herum. Christina Fonbah, eine fröhliche Person und ehemalige Mitarbeiterin vom RTC (Rural Training Centre) in Kumba hatte uns während unseres ganzen Aufenthaltes in Kamerun begleitet und uns in allem Rede und Antwort gestanden. Kurz nach zehn Uhr brachen wir auf und durchquerten Douala in Richtung Osten um direkt am Meer in einem wunderschönen Restaurant Mittag zu essen. Das „les mangroves“ liegt ganz in der Nähe des Marine Hafens.
Auf uns wartete ein köstliches Buffet. Gebratenes Huhn, gegrillten Fisch, frittierte Kochbananen, Yams, Cocoyams, Sweetyams, Kartoffeln, Teigwaren, bekanntes und unbekanntes Gemüse, diverse Salate und zum Dessert Ananas, Papayas und zuckersüsse, saftige Wassermelonen… ein fulminanter Start einer gourmandiser Entdeckungsreise.
Die Mangrovensümpfe sind auch hier stark bedroht. Einerseits durch den Druck der stark wachsenden Bevölkerung und andererseits der damit einhergehenden Umweltverschmutzung. Ein kurzer Besuch am Strand wo die Fischer ihren Fang den Frauen verkaufen, zeigte uns deutlich die Misere.
Die Strassen in dieser Wirtschaftsmetropole waren in ziemlich gutem Zustand. Es wurde fleissig gebaut und auffallenderweise auch gereinigt. An den Strassenrändern, im Mittelstreifen und im Zentrum des Kreiselverkehrs war Rasen angesät worden, blühende Büsche, Blumen, Palmen und Bäume angepflanzt. Der Verkehr war nicht weniger geworden, doch auffallend war der Zustand der Fahrzeuge. Die „gewohnten“ verbeulten Autos sind fast ganz aus dem Strassenbild verschwunden, da erliegt man schnell der Versuchung das Wrack eines Busses fotografisch festzuhalten, der seit langer Zeit am Strassenrand still vor sich hin rostet.
Am späteren Nachmittag erreichten wir Buea. Der Mount Cameroon ist wolkenverhangen und die drückende Schwüle war einem lauen Lüftchen gewichen. Der Wald war bergwärts weit hinauf abgeholzt worden und die Stadt hatte sich entlang der Bergflanke weit ausgebreitet. Ins Auge fielen die vielen Funkantennen. Die ehemals ein- bis zweistöckigen Häuser haben fünf-, sechsstöckige Nachbarn erhalten, Hotels, Wohn- und Geschäftshäuser. Die Bautätigkeit ist enorm, der Handel und die Geschäfte florieren und über allem lag ein grossstädtisches Summen.
Das Hotel Capitol liegt oberhalb des Campus der Universität. Von drei CWF-Frauen wurden wir herzlich empfangen und beim gemeinsamen Abendessen erfuhren wir das Programm für die nächsten drei Tage.
Im Synod Office war am Samstag kaum jemand anzutreffen. Im grossen Saal sangen die Frauen zur Begrüssung das extra komponierte Lied zum Jubiläum, und damit die etwas steifen Schweizer Besucher in die Gänge kamen, wurde getanzt. Magdalena Zimmermann konnte den Frauen glaubhaft versichern, dass wir nicht krank und auch nicht behindert wären.
Danach zeigten uns junge Studenten von der Uni Buea zur Genderfrage mehrere Sketches. Eine lustige Angelegenheit. Anschliessend wurden dazu Fragen gestellt, wie die Frauen es selbst erlebt haben und wie sie es heute mit ihren Söhnen und Töchtern halten. Auch aus unserer Gruppe gab es Beiträge. Die interessante Diskussion wurde auch beim gemeinsamen Essen fortgesetzt. Die Frauen hatten uns ein köstliches traditionelles Essen serviert, was manchen von uns ob der Fremdheit ein Fragezeichen ins Gesicht schrieb.
Ein anderes, kurz angeschnittenes Thema betraf die Situation der Kinder und Jugendlichen die den Vater verlieren und welche Stellung die Rituale noch oder eben nicht mehr haben in Bezug zur Witwenschaft.
Die jungen Frauen und Männer sind sich der Problematik der höheren Ausbildung für Frauen, zur Gleichstellung in der Gesellschaft im Kontext mit den unterschiedlichen Traditionen sehr wohl bewusst und wollen ihre Kommilitonen für diese Themen sensibilisieren. Das machen sie zum Beispiel mit Workshops und Kampagnen. Ihr nächstes Ziel ist, Ableger in Sekundarschulen zu etablieren. Ebenso wird von staatlicher Seite Bildung in diesem Bereich gefördert.
Am späteren Nachmittag besuchten wir den Markt, ein besonderes Erlebnis. Bisher hatten wir noch kaum Gelegenheit Geld auszugeben… neben einem T-Shirt eines kameruner Nationalmannschaftsspielers für meinen Sohn, erhielt ich Komplimente für meinen schönen Namen, für mein Aussehen und einen Heiratsantrag (es sollte nicht das letzte Mal sein..).
Am Sonntag war unsere Reisegruppe in Gruppen aufgeteilt worden, die jeweils eine andere Kongregation zur Sonntagsmesse besuchte. Das waren die Kirchen in Great Soppo, Moliko, Buea Town und Buea Station.
Mit kurzer Verspätung erreichten wir die Imposante Kirche Buea Station und schlüpften gerade noch rechtzeitig in die reservierte Bank bevor der Gottesdienst anfing. Dieser besticht immer wieder durch die Lebhaftigkeit mit der gepredigt und gesungen wird. Nicht nur die Stimmgewaltigkeit der Chöre imponierte, sondern auch wenn die Kirchenbesucher singen. Unübertroffen sind sie beim Einsammeln der Kollekten. Denn oft ist es nicht nur eine Kollekte, sondern zwei oder gar drei. Für diesen Sonntag waren zwei vorgesehen, die eine Kollekte war für die Kirchgemeinde bestimmt und die andere kam den Witwen zugute. Es kam fast eine Million CFA zusammen.
Zum Mittagessen waren wir im Pfarrhaus eingeladen bei Rev. Aboseh und seiner Frau. Zum Abschied erhielt jeder von uns ein kleines Geschenk und dann machten wir uns zu Fuss auf den Weg zurück ins Hotel.
Zum Abendessen blieben wir im Hotel und genossen einen gemütlichen Abend, stiessen auf das Wohl von Dieter an und ignorierten, dass wir schon seit zwei Tagen kein fliessendes Wasser mehr hatten.
Das Synod Office schien verwaist an diesem Montagmorgen. Der Synod Clerk der Presbyterian Church in Cameroon Rev. William Abuezoh empfing uns am Vormittag im Synod Office und begrüsste uns als seine „Kameruner Brüder und Schwestern aus der Schweiz“, freute sich über den Grund unserer Reise und hielt fest, wie wichtig und unverzichtbar die Frauenarbeit ist und betonte die Notwendigkeit der Unterstützung aus Übersee. Magdalena Zimmermann pflichtete ihm bei und bemerkte, wie beeindruckt wir als Besucher sind ob der Grösse dieser Bewegung und wie erfreulich es ist zu sehen, wie vielfältige Initiativen davon ausgehen. Da seien wir im Vergleich eben nur „Peanuts“.
Nach der Audienz verabschiedete er sich herzlich, weil noch weitere dringende Aufgaben auf ihn warteten.
Auf der Fahrt zur Teeplantage fuhren wir durch Buea und sahen, wie die Stadt sich weiter entwickelt hatte.
Die Teeplantage hatte vor Kurzem den Besitzer gewechselt, das heisst, vom Staat zu einem Privatunternehmer, und damit einige Turbulenzen ausgelöst. Die gesamte Belegschaft der Pflücker und Pflückerinnen wurde entlassen, ihre Wohnhäuser abgerissen und die Löhne nicht oder nur teilweise ausbezahlt. Die betroffenen Familien stehen jetzt auf der Strasse, die Frauen und Männer haben keine Arbeit mehr und die Kinder können nicht mehr in die Schule. Es ist eine Tragödie.
Die Besichtigung der Teeplantage fiel deshalb ins Wasser, weil uns ein Aufseher aufhielt und wir keine Erlaubnis des Managements vorweisen konnten. Vivian, unsere Tagesbegleitung brauchte viele Worte, viel Fingerspitzengefühl und etwas Cash und doch sahen wir nur einen kleinen Teil der Plantage.
Nach dem Mittagessen hatte sich ein Teil der Gruppe aufgemacht um den Mount Cameroon zu bezwingen. Kurz nach dem Mittagessen brachen sie auf und erst gegen den frühen Abend kehrten sie müde, schweissgebadet und verregnet aber glücklich wieder zurück. Von einer Dusche konnten sie nur träumen, denn der Wasserhahn blieb so trocken wie die Tage zuvor.
Sehr interessant wurde die Fahrt nach Bamenda. Über Nkongsamba, vorbei an grossen Plantagen mit den sogenannten „Cashcrops“. Cashcrops sind Nahrungsmittel die auf dem Weltmarkt verkauft werden; Bananen, Ananas, Ölpalmen oder Kakao. Die Kaffee-Plantagen sahen ziemlich vernachlässigt aus, denn die Kaffebauern erhalten für die aufwändige und intensive Arbeit für ein Kilo Bohnen nicht einmal mehr fünfzig Cents…
In Melong war ein kurzer Halt vorgesehen um Getränke und etwas vom Grill zu kaufen. Eine grössere Herausforderung war, nicht nur ein gekühltes Coke zu kaufen, sondern ein gekühltes „Diet-coke“ überhaupt zu finden. Der Aufenthalt zog sich dadurch etwas in die Länge.
Die Universitätsstadt Dschang in der West Provinz war gross geworden und hatte sich weit ins hügelige Umland ausgebreitet.
Ein plötzlicher Halt schreckte ein paar Dösende aus dem Schlummer und wir konnten uns nicht erklären weshalb wir hier an dieser unübersichtlichen Stelle hielten. Wir dachten zuerst an eine Panne, weil unser Fahrer sofort ausgestiegen und der Strasse zurück ging. Eine peinlich berührte Christie klärte uns auf, ihr sei während der Fahrt ein wichtiges Blatt Papier aus dem Fenster entwischt weil sie gerade telefonierte… und David ginge es nun suchen. Kurze Zeit später stand er wieder mit dem besagten Papier in der Hand da und die Reise setzte sich fort.
Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir gegen den frühen Abend nach einer langen und steilen Anfahrt die Bergkante, dahinter lag uns zu Füssen, wie in einem grossen Kessel, Bamenda. Über der Stadt hing die unvermeidliche Dunstglocke, verursacht durch die schwelenden Feuer der Abfallberge, absichtlich gelegte Buschbrände um neue Felder zu gewinnen und um den Grünabfall zu entsorgen. Grünabfälle zu kompostieren ist noch nicht selbstverständlich, obschon viele von den Vorteilen und vom Nutzen davon wissen.
Am Abend trafen wir auf die andere Gruppe von Mission 21, die bereits früher nach Kamerun gereist war. Beim Spaghetti essen machten wir uns etwas bekannt.
Der Besuch des Töpferei-Projekts Prespot in Bamessing versprach interessant zu werden. Die Fahrt führte durch eine ganz andere Landschaft. Die vorherige tropische Flora war jetzt eine subtropische geworden. Wir waren im Grasland angekommen. Die hügelige Landschaft erinnert uns an die Appenzellische. Rinderherden grasten auf eingezäunten Weiden neben bebauten Feldern. Die Temperaturen waren nicht mehr nur hoch, sie variierten stärker und durch die viel tiefere Luftfeuchtigkeit war das Klima erträglicher geworden.
In der Töpferei wurden wir schon erwartet. Mister Clemens zeigte uns, wo der Ton abgegraben wird, nicht weit von den Werkstätten. Wir erfuhren wie er verarbeitet, vorbehandelt und gelagert wird bevor er eine Form erhält und im Ofen bei über tausend Grad gebrannt wird. Bei den jeweiligen Stationen hörten wir viel Wissenswertes über die Herstellung und wie die Arbeit den Menschen in den Dörfern einen Lebensunterhalt sichert.
In Bamessing selbst gibt es einen kleinen Verkaufsladen, der anschliessend gestürmt und fast geleert wurde. Verkauft wird hier nicht nur Töpfereiartikel, es gibt auch geflochtene Gegenstände, aus Holz, aus Leder und aus Messing. Bei allen Produkten wäre es sehr interessant zu erfahren gewesen, wie sie alle entstehen. Leider war Rita Kaeslin, die Leiterin des Projekts noch nicht zurück aus den USA. Sie hatte gerade eine Reise in die Staaten gemacht, um sich über die Kundenwünsche zum Sortiment zu informieren. Herr Odermatt, der Leiter des Handycraftcentre’s, hatten wir auch gerade verpasst. Während wir in Bamessing waren, befand er sich in Bamenda. Wir trafen ihn erst einen Tag später im neu eröffneten Café neben dem Laden in Bamenda.
Das Café scheint regen Zulauf zu haben, die Speisekarte verführt geradezu zu häufigem Besuch. Nach dem üblichen mit Pulver aufgebrühten Kaffees einen richtig guten Espresso oder Cappuccino zu geniessen war ein echtes Highlight.
Das Mittagessen nahmen wir im Wohnzimmer im kleinen Museum ein, das im ehemaligen Haus von Hans und Heidi Knöpfli eingerichtet wurde. Die Köchinnen haben sich ein weiteres Mal selber übertroffen und dazu gab es frischen Palmwein.
Bevor wir in den Bus steigen konnten, rätselten wir darüber, was das wohl für Früchte sein könnten, die da so eigenartig am Baum vor dem Haus hingen.
Die Kalebassen oder Flaschenkürbisse sind Bignoniengewächse. Sie gehören zur Gattung der Cresentia und sind mit fünf Arten von den Tropen bis Florida verbreitet. Sie sind nicht essbar, aber kreative Köpfe zaubern daraus wunderschöne und praktische Behältnisse.
Ein weiterer, sehr spannender Besuch war bei der landwirtschaftlichen Kooperative der Frauen in Bambui. Tabea Müller war mit einem Teil ihrer Gruppe ebenfalls dabei und unter der Leitung von Angélique, der Nachfolgerin von Tabea, war der Empfang laut und herzlich. Mit einem grünen Zweig in der Hand, der den Baum des Jubiläums symbolisierte, standen sie am Strassenrand. Sie führten uns in den Raum, den sie für ihre Zusammenkünfte benutzen können und nach der offiziellen Willkommensansprache und einem Gebet wurden wir reihum vorgestellt. Eine kleine Darbietung veranschaulichte auf sehr unterhaltsame Weise ihre Arbeit. Die Frauen, die allesamt eine kleine Farm betreiben, berichteten, wie aus ihrer Ernte ein Mehrwert erwirtschaftet werden kann. Sei es mit dem Anlegen eines Komposthaufens, die Vielfruchtbepflanzung, der Aufzucht von Schweinen, Hühnern und Ziegen und was sehr wichtig ist, die Vermarktung. Nebenher lernen die Frauen auch Lesen und Schreiben wenn sie es noch nicht können. Dieses Programm, WEELP, von der Mission 21 unterstützt, wird sehr geschätzt.
Der Quartiervorsteher war auch dabei lobte das Projekt und den Fleiss der Frauen und betonte, er wünschte sich ein solches Programm auch für die Männer. Fragen zur Bewässerung und Umweltschutz wurden gestellt. Die Bewässerung stellt ein Problem dar und zwar insofern, weil die Wasserfassung ungeschickt angegangen wurde. Ein weiteres Problem stellt der Bevölkerungsdruck dar. Die Frage zum Gewässerschutz und zum Umweltschutz im Allgemeinen wird nur kurz gestreift, noch scheint es kein Bewusstsein dafür zu geben.
Im grossen Wohn- und Esszimmer wurden wir verköstigt, mit dem besten Fufucorn den ich bekommen hatte… Alle Speisen stammten aus ihren Haushalten. Anschliessend besuchten wir ihr Ladenlokal auf dem Markt in Bambui. Es liegt gleich neben dem Atelier wo ihre Schneiderei untergebracht ist. Sie gehört ebenfalls zum gleichen WEELP-Projekt (Women‘s Economic, Empowerment and Literacy Project).
Die Frauen wollten uns unbedingt eine ihrer Farmen zeigen und so fuhren wir mit dem Bus zur nächstgelegenen hin. Die Bäuerin zeigte uns voller Stolz was sie alles angepflanzt hatte. Es war eindrücklich, wie da neben Mais und Erdnüsschen, Bohnen, Auberginen, Huckleberry (ein Blattgemüse), Ananas und Bananenstauden wachsen. Es ist immer noch so, dass die Felder mit einem Juju-Zauber gegen Diebstahl geschützt werden müssen. Damit uns nichts passiert, wenn wir ihr Feld betreten, hatte sie den Juju entfernt und auf den Boden gelegt.
Angeregt unterhielten wir uns auf der Rückfahrt nach Bamenda. Bei unseren Zimmernachbarn, rechts von uns, können wir warm duschen, denn in unserem Zimmer ist es nicht mehr möglich, weil im Zimmer, links neben uns, die Armatur der Dusche vom Heisswasserrohr abgebrochen war und zwecks Verhinderung einer Überschwemmung die Wasserzufuhr ganz unterbrochen wurde. Leider gab es deshalb bei uns auch kein warmes Wasser mehr.
Inzwischen waren die extra für uns angefertigten Jubiläums-Uniformen des CWF gekommen. Die beiden Schneiderinnen hatten zwei Tage zuvor Musterbücher mitgebracht und Mass von uns genommen. Vor dem Gästehaus wurde nun anprobiert, nichts mit Privatatmosphäre, Hose, Hemd, Bluse, Kleid und Rock und unverzichtbar das Tuch für den Kopf. Das allerdings brachte einige Schwierigkeiten mit sich. Wie hält so ein kunstvoll geschlungenes Stück Stoff auf unseren glatten Haaren..? Da hatten es die Männer mit ihrem Hut schon viel einfacher. Wir amüsierten uns köstlich. Bei einigen sass das Gebrachte fast perfekt, bei anderen waren noch ein paar Stiche zu nähen und bei einigen musste das Stück nochmals in die Schneiderei zurück.
Etwa die Hälfte der Gruppe fuhr mit dem Bus am Freitagmorgen ab nach Kumba. Die Zurückgebliebenen warteten zwar nicht auf den Bus wie die Gruppe zuvor, sondern auf Dorothy, die heutige Tourleiterin. Wir wurden bei einer Frauengruppe erwartet, die sich um betroffene Frauen mit HIV/AIDS kümmert, insbesondere um Witwen und Waisen. Dorothy erwartete uns bereits vor Ort, die Damen begrüssten uns sehr herzlich und baten uns auf bereit gestellten Stühlen Platz zu nehmen, dann wurden wir einander vorgestellt und wir hörten wie sie arbeiten.
Es sind etwa 120 Personen die Unterstützung in unterschiedlicher Form erhalten. Sie werden zu ärztlichen Tests, zu Untersuchungen und auch bei einer Hospitalisation begleitet. Die Frauen erhalten Beratung und Hilfe zur Existenzsicherung, vorübergehende finanzielle Unterstützung und die Waisenkinder werden betreut, indem ein Platz für sie gesucht wird. Meist bei Verwandten oder wenn das unmöglich ist, in der Familie der freiwilligen Mitarbeiterinnen. Das kommt zwar nicht oft vor. Es geschieht aber immer wieder, dass Kinder, vor allem wenn sie mit dem HIV-Virus infiziert sind, verstossen werden. Die Kinder brauchen ja neben dem Lebensunterhalt auch Medikamente, Schulgeld, Schulmaterial und hauptsächlich Geborgenheit. Die insgesamt 23 Frauen kümmern sich insgesamt um 57 Waisenkinder.
Die meisten der freiwilligen Mitarbeiterinnen stehen noch im Berufsleben. Es sind Lehrerinnen, Pflegefachfrauen, eine Juristin und eine Buchhalterin. Finanzieren tun sie sich mit dem einmaligen Betrag von 1000 CFA (ca. 2 Euro), dem jährlichen Beitrag von 12 000 CFA und einem Gönnerbeitrag von 25 000 CFA. Der Gönnerbeitrag ist zwar freiwillig aber doch sehr erwünscht. Witwenschaft in Kamerun ist ein hartes Los und wenn die Frauen und womöglich auch die Kinder HIV infiziert sind und vielleicht auch noch an AIDS erkrankt sind, so ist das ungleich schlimmer.
Bei jungen Frauen lauert die Gefahr, dass sie in der Prostitution landen und bei jungen Männern ist die Gefahr der Delinquenz sehr gross. Einige Frauen erzählten von ihrem Schicksal und wie sie versuchen wieder Tritt zu fassen. Sie stellen Gewürzmischungen her, sie kochen und backen, produzieren Schmuck und nähen und stricken. Die Kinder sagten uns, in welche Klasse sie gehen und was ihr Berufswunsch ist. Der Kleinste weiss noch nicht so recht, er ist gerade mal vier Jahre alt, aber die Mädchen und Jungen möchten entweder Lehrerin und Lehrer werden. Eines der Mädchen will einmal Taxi fahren, die andere einfach Fahrerin sein, ob im öffentlichen Verkehr oder privat, Hauptsache fahren und ein Junge möchte unbedingt Autolackierer werden. Das Ziel einer jungen Frau war, die gerade ein Praktikum in diesem Projekt macht, Theologie zu studieren. Es sind sehr ergreifende Momente; die Betroffenen drückt eine schwere Last.
Am Tag vor dem grossen Fest zum Jubiläum fuhren wir schon frühmorgens los. Wir wollten den Palast des Fon von Bafut besuchen. Zuerst holten wir eine der Frauen des Königs ab und besuchten mit ihr die PSS (Presbyterian Secondary School).
Die heutige PSS beherbergt neben den Schulgebäuden in der weitläufigen Anlage auch das ehemalige HMC (Home Making Centre, die Hauswirtschaftsschule). Die Schule wurde vergrössert und bietet nun eine Schulbildung bis A-Level an. Seit ein paar Jahren können auch Knaben die Schule besuchen, neben den hauswirtschaftlichen Fächern werden auch Biologie und Chemie gelehrt. Die Fächer stehen allen frei, das war nicht immer so.
Auf dem ganzen Areal waren Tafeln aufgestellt, die die Schüler ermahnen, sich für ein anständiges und vorbildliches Leben anzustrengen und einen respektvollen Umgang zu pflegen. Es ist ihnen nicht erlaubt andere zu bestechen oder Bestechungen anzunehmen.
Am Morgen um 5 Uhr wird aufgestanden und nach einem langen Tag mit nur wenigen Unterbrüchen, wo sie für sich sein können, wird um 21:30 „nach beendeten Studien“ das Licht gelöscht.
Auf dem Weg über den Campus kamen uns ein paar Schüler entgegen die auf ihren Schultern ein Modell eines Hauses aus Raffiaholz trugen. Es war die Arbeit eines Schülers von seinem zukünftigen Traum-Haus. Er hatte seine Ideen auf ein kariertes Papier aufgezeichnet und dann das Modell danach gebaut. Wir mussten uns etwa zehn Minuten gedulden, dann war das Modell verkabelt und mit Hilfe seines MP3 Players ertönte aus dem Innern Musik und im Dach in einem Ausschnitt sollen einmal die Leuchtbuchstaben seines Namens aufblinken. Doch so weit war er noch nicht gekommen. Das Berufsziel des jungen Mannes war nicht Architekt, wie wir annahmen, sondern Pilot der Zivilluftfahrt zu werden.
Der nächste Besuch galt dem Spital, genauer der Geburtsabteilung. Diese Institution wird nicht nur von der Kirche und von Mission 21 unterstützt, sondern auch vom Fon selber. Das Spital geniesst einen sehr guten Ruf in der näheren und weiteren Umgebung. Es kommen auch Patienten aus den Grossstädten hierher und nicht nur jene aus prekären finanziellen Verhältnissen.
Patienten, die die Kosten der Behandlung und der Medikamente nicht bezahlen können, müssen dort bleiben und die Kosten „abarbeiten“. Eine junge Frau hatte eine schwierige Geburt mit einem Kaiserschnitt zur Folge und weder sie noch ihre Familie war in der Lage, die Operation zu bezahlen. Nun bleibt sie im Spital, bis sie sich soweit erholt hat, dass sie den Angestellten dort zur Hand gehen kann. Eine etwas ungewöhnliche Art für unser Verständnis, aber sehr zum Nutzen der jungen Mutter. Die Familie muss sich nicht in Schulden stürzen und die Wöchnerin ist nicht gezwungen, viel zu früh schwere Arbeit zu leisten.
Die Zeit drängte, die sechste Dame des königlichen Oberhauptes über Bafut wollte uns noch das Museum zeigen bevor wir zum Mittagessen im Palast erwartet wurden. Vor dem Eingang in den königlichen Palast lag ein grosser Platz. Dem Eingang gegenüber ist eine Tribüne aufgebaut für die Honorablen und die speziell geladenen Gästen zu den Feierlichkeiten. Sie wird nicht nur zu den kulturellen Höhepunkten und Zeremonien gebraucht sondern ebenso für die offiziellen staatlichen Anlässe. Mitten auf dem Platz unter einem mit Palmblättern gedeckten Dach stand die grosse hölzerne Trommel, die "Talking Drum". Gefertigt aus einem einzigen Baumstamm. Sie wird immer noch benutzt, bei kulturellen Anlässen aber auch bei sehr kurzfristigen Ereignissen.
Wir erfuhren die Legende des Volkes der Bafut. Wie es sich vor mehr als sechshundert Jahren dieses Gebiet unterworfen und bis ins letzte Jahrhundert erweitert hatte. Die Bafut kamen ursprünglich aus dem Adamaua Gebirge im Norden Kameruns an der Grenze zu Nigeria. Auf der Suche nach fruchtbarem Land stiessen sie auf ihren Streifzügen von den umliegenden Bergen in die Ebene vor und vertrieben die dort ansässigen Bakossa und nahmen deren Gebiet ein. Die Legende besagt auch, die Besitznahme sei auf den Rat einer der Töchter der Anführer gefolgt, und weiter heisst es, dass sich diese „Prinzessin“ dann erdreistet hat, deswegen einen Machtanspruch für sich zu erheben. Damit brach sie ein Tabu, was ihr dann einen gewaltsamen Tod einbrachte. Im Museum stand, etwas achtlos in einer Ecke des Ganges, eine Statue von ihr.
Alljährlich zur Wintersonnenwende findet ein „Versöhnungsfest“ statt. Es ist unserem Weihnachtsfest nicht unähnlich. Das Fest mit Musik und Tänzen und mit all den kulinarischen Köstlichkeiten soll den Frieden unter den beiden Volksgruppen erhalten und stärken. Im Museum waren die Insignien der Fons ausgestellt; unzählige Fotos und Statuen, Gegenstände aus Holz, Knochen, Elfenbein, Baumrinde, Eisen und Stoffe. Diese Stoffe, aus Baumwolle, Bast oder Haaren hergestellt, wurden für Zeremonien und Fetische gebraucht. Ebenso zur Ansicht waren die Waffen der deutschen Kolonialherren unter Eugen Zintgraff und jene der Widersacher. 1907 wurde der Palast des Fons niedergebrannt, der Herrscher für ein Jahr ins Exil geschickt und die Bevölkerung hatte sich einem faulen Frieden zu beugen. Viele Fotos an den Wänden zeigten Tanzszenen und die Besuche von hohen Politikern aus dem In- und Ausland.
Beim anschliessenden Mittagessen in der Empfangshalle hatte man ein bisschen Zeit, alle diese Informationen zu verarbeiten. Der Kopf war gefüttert worden, nun war der Magen an der Reihe. Nach dem letzten Schluck Palmwein wurden wir auf den Platz geführt um im Schatten auf Bänken den Tänzern zuzusehen, als aus einem seitlichen Durchgang plötzlich seine Durchlaucht höchstpersönlich vor uns stand und uns herzlich mit Handschlag begrüsste. Nach ein bisschen small talk und auf Wunsch des Königs für ein Gruppenfoto, begannen die jungen Männer mit dem Trommeln. Als erste kamen Mädchen und junge Frauen und zeigten uns einen Reigen zur Unterhaltung, danach erschienen die jungen Männer in Federkostümen mit Tiermasken auf den Köpfen und Rasseln aus Samenkapseln an den Knöcheln. Der Höhepunkt bestand in einem Artisten, der auf Stelzen zu Trommelwirbeln tanzte. Staub wirbelte auf und legte auf alles einen feinen Schleier Sand.
Sonntag, 27. November, der grosse Tag war da. Alle hatten ihre Jubiläumskleider an und auf der Fahrt zum Stadion, wo die Feierlichkeiten stattfanden, trafen wir auf viele gelbgewandete Menschen mit demselben Ziel.
Nach unserer Ankunft im Stadion wurden wir zu unseren Plätzen geführt. Nach langem Warten erschienen die Pfarrerinnen und Pfarrer die den Gottesdienst leiteten und durch die Zeremonie führten. Eröffnet wurde das Fest mit der Chorgruppe, die am Tag zuvor bei den Wettbewerben gewonnen hatte. Ich sass ziemlich nervös und abgesondert von meiner Gruppe bei den Hochwürden auf dem Podium und lauschte von dort aus der Predigt und den Ansprachen der Referenten bis ich das Grusswort vorlesen konnte.
Der Geburtstagskuchen durfte nicht fehlen. Einige wichtige Leute schnitten den Kuchen mit an und überreichten das Geschenk für den CWF. Fünfzig Kerzen sollten von weiteren ausgesuchten Persönlichkeiten wie dem Fon von Bamenda mit seinen Chiefs und unter weiteren Honoratioren aus Kirche und Politik angezündet werden. Nur leider vermasselte der heftige Wind das Vorhaben. Zum Abschluss hatten Simone Wüthrich, als Vertretung von Magdalena Zimmermann und Mission 21, und Dieter Bullard-Werner von BMDZ die Aufgabe, die Schnur der bunten Luftballone durchzuschneiden und in den Himmel steigen zu lassen. Unter grossem Applaus verschwanden die farbigen Tupfer bald in der Ferne.
Zum Abschluss des Festes wurde zu Tisch geladen. In der Ntamulung Hall war es festlich gedeckt. Erst zögernd, dann immer mehr, strömten die Gäste herein und verteilten sich auf die verschiedenen Tische. Ich erhielt die Ehre am High Table Platz zu nehmen, neben der Regionalsekretärin des CWF, Mrs Rose Ewang und des ehemaligen Kommunikationssekretärs in Buea. Als Höhepunkt wurden fünf Flaschen Champagner auf verschiedene Tische verteilt und als ich der ersten Flasche den Korken herausschiessen liess, flogen nacheinander die Zapfen unter das Dach der Halle und sorgten für Applaus.
Alle gelben Kleider waren eingepackt, die Koffer auf dem Dach des Busses verstaut und wir mit frischem Wasser versorgt. So verliessen wir am frühen Vormittag Bamenda in Richtung Süden. Oben am Bergrand sahen wir auf die in Rauch gehüllte Stadt hinunter und genossen schönstes Reisewetter nach Tombel, unserem nächsten Treffpunkt mit der anderen Hälfte der Gruppe. Ein kurzer Stopp in Melong und mit einem kühlenden Getränk für heisse Kehlen und ein paar süssen Ananas für Nyasoso im Gepäck erreichten wir nach knapp vier Stunden Busfahrt das Areal der PCC in Tombel.
Von den anderen aus Kumba war noch niemand da, obwohl wir den längeren Weg zurück gelegt hatten. Mit den Kindern aus der Schule von nebenan und einem kurzen Spaziergang auf der staubigen Hauptstrasse vertrieben wir uns die Wartezeit.
Wir schauten zu, wie die Männer die getrockneten Samen der Kakaofrucht in grosse Jutesäcke schaufelten um sie über Kumba und Douala in alle Ecken der Welt verschiffen zu lassen. Im Gespräch erfuhren wir, dass der Preis für ein Kilo Kakaobohnen nur noch einen knappen Euro einbringt. Zu wenig um eine Familie ernähren zu können.
Die „Fourwheeldrive-Jeep‘s“ waren gekommen und das Gepäck wurde umgeladen. Alles fand seinen Platz, nur mit uns gab es Schwierigkeiten, es fanden nicht alle genügend Platz in den Gefährten. Mutig beschloss Dieter, die Reise auf den Gepäckstücken zu machen. Eine abenteuerliche und gefährliche Reise dazu, denn ein ordentlicher Handgriff war ja nicht vorhanden. Die Autos brausten über die Piste, die Löcher und Gräben von fünfzig, achtzig Zentimeter und tiefer aufwies. Wir wurden ordentlich durchgerüttelt und so entstand doch noch ein Plätzchen wo Dieter die Fahrt, ungefährdet an Leib und Leben, überstehen konnte. Nach nur vierzig Minuten Schleuderfahrt durch eine üppige und eigentlich grüne Landschaft erreichten wir Nyasoso. Die Regenzeit war noch nicht lange vorbei und doch lag schon eine braune Schicht Staub auf den Blättern und Halmen, es dauert nicht mehr lange und das saftige Grün wird unter einer dicken Dreckschicht verschwunden sein.
In Nyasoso wurden wir sehr herzlich willkommen geheissen und nach dem Entladen der Autos, der Zuteilung der Zimmer wurden wir zu einem Begrüssungsgottesdienst in der Kirche erwartet. Der Beginn zögerte sich etwas hinaus. Es wurde schon dunkel und der Küster musste zuerst eine Glühbirne holen. Diese entpuppte sich aber als kaputt und musste wiederum ersetzt werden. Die Wartezeit überbrückten wir mit Singen. Das Empfangskomitee sang die Hymne des CWF-Jubiläums mit toller Unterstützung eines jungen Burschen am Schlagzeug. Unseren müden und durchgerüttelten Knochen tat das ganz gut. Die Lampe brannte schliesslich und der Gottesdienst konnte beginnen. Es war schon Nacht als wir zum Essen in den Aufenthaltsraum kamen.
Nach einer überraschend kühlen Nacht trafen wir uns mit Hebammen, die uns von ihrer Arbeit erzählten. Wie früher „geboren“ wurde, mit all den möglichen Komplikationen, den oft tragischen Schicksalen, wenn die manchmal zu junge Mutter die Geburt oder das Wochenbett nicht überlebte, wenn das Baby tot zur Welt kam oder kurz nach der Geburt verstarb. Es ist meistens eine Frage der Hygiene, ungenügendes oder kaum vorhandenes medizinisches Wissen und wenige bis keine Medikamente. Drastisch wurde uns vor Augen geführt wie so eine traditionelle Geburt verlaufen kann.
Die Hebammen erzählten, wie sie heute ausgebildet werden, von Kursen, zuerst theoretischer Natur, dann in Spitälern und Gesundheitszentren. Nicht mehr wie früher, wo sie einfach bei der Mutter oder der Tante bei ihrer Arbeit zugeschaut haben. Heute werden die Krankengeschichte der Schwangeren und die der Familie aufgenommen und berücksichtigt. Diese Vorgehensweise zeigte eine deutlich geringere Sterblichkeit der Mütter. Da die Gesundheitsstationen auf dem Lande recht weit auseinanderliegen wird viel Wert darauf gelegt, dass interessierte Frauen aus den Dörfern eine Ausbildung bekommen. Aus den umliegenden Dörfern, die teilweise bis zu zwei Tagesreisen zu Fuss voneinander entfernt sind, wurden schon 23 Frauen ausgebildet. Die ursprüngliche Ausbildung von zwei Wochen wurde inzwischen auf einen Monat ausgedehnt… weil es viele Komplikationen zu erklären gibt. Ein weiteres und weit grösseres Problem entsteht, wenn die werdende Mutter HIV infiziert ist oder bereits an AIDS erkrankt ist. Denn die Hebammen vom Dorf haben dafür keine Medikamente zur Verfügung.
Nach einem Rundgang durch das Dorf und einem Besuch auf dem lokalen Markt besuchten wir die Government Highschool. Einstmals war sie ein Ausbildungszentrum für angehende Lehrkräfte, gegründet von der Basler Mission. Heute beherbergt die Schule auch ein Internat. Der Schulleiter begrüsste uns in der Bibliothek. Er führte, erklärte und zeigte uns die Schule mit den verschiedenen Bereichen. Alle Gebäude waren an der Aussenwand mit Bildern versehen und zeigen den Schülern an, wo welche Unterrichtszimmer zu finden sind.
Am frühen Abend machten wir einen Besuch im Haus des Dorfchefs um von ihm die Erlaubnis zu bekommen, in den Wald zu gehen. Es ist Sitte und Pflicht, beim Dorfoberhaupt die Zustimmung dafür einzuholen. Damit der Ausflug unter einem guten Omen steht, wird ein Trankopfer ausgeführt. Zusammengedrängt sassen wir in seinem Salon auf dick gepolsterten Sofas und Fauteuils, Stühlen und Hocker. Wir verfolgten die Zeremonie, in der der mitgebrachte Whiskey in Gläser gefüllt und dann unter Murmeln unbekannter Worte ein Teil davon auf den Boden geschüttet wurde. Dabei verneigte sich der Chef in die westliche und östliche Richtung. Mit diesem Segen und unter der kundigen Leitung zweier junger ausgebildeter Bergführer durchquerten wir das Schulareal und die angrenzenden Felder der Dorfbevölkerung. Im Gänsemarsch folgten wir einem Pfad, den wir kaum erkennen konnten, den Berg hinauf, wir staunten über die üppige Flora und Fauna. Ungewohnte Gerüche stiegen uns in die Nase und in den Ohren hatten wir ein lautes Summen und Zirpen von unzähligen Insekten. Der Aufstieg stockte immer wieder, weil wir auf besondere Pflanzen aufmerksam gemacht wurden. Als Höhepunkt kletterten wir auf einer eisernen Leiter einen eindrücklichen Felsbrocken hinauf und konnten gerade noch mit ansehen, wie hinter einem riesigen Baum die Sonne unterging. Unter lautem Reden machten wir uns im Dämmerlicht wieder auf den Rückweg, ohne die Geräusche der einbrechenden Nacht mitzubekommen.
Am anderen Morgen waren fast alle Frauen im Aufenthaltsraum versammelt, die uns heute über das Thema der Schulabbrecherinnen und den oft damit verbundenen Schwangerschaften erzählen wollen. Zu diesem Thema wurden wir in einzelne Gruppen aufgeteilt die bestimmte Aspekte diskutierte und anschliessend untereinander austauschte. Ein spontanes Theater brachte uns herzlich zum Lachen und zum Nachdenken. Viele Gründe bringen junge Mädchen dazu die Schule abzubrechen, freiwillig oder auch unfreiwillig. Sie wollen etwas erleben, sie verlieben sich in einen Jungen und werden von ihm Schwanger oder auch durch einen Lehrer der „Nachhilfeunterricht“ gibt, sie werden verführt durch das vermeintlich schöne Leben in der Stadt, sie wollen keinesfalls so werden wie ihre Mütter, sie wollen etwas erleben, die Eltern sterben zu früh und sie werden zu Waisen, und so weiter.
Diese Schulabgängerinnen haben eine schwierige Zukunft vor sich. Nicht selten werden sie von ihren Eltern verstossen und oft auch von den Eltern des Kindsvaters. Der Schritt in die Prostitution ist dann sehr klein oder auch für die lebensgefährlichen Massnahmen, welche die Mädchen unternehmen um einen Schwangerschaftsabbruch herbei zu führen. Denn der Ausstoss aus der Dorfgemeinschaft und den Makel zu haben eine Frau ohne jegliche Reputation für immer zu sein, ist unerträglich. Auch Mord an der fehlbaren jungen Frau und/oder an dem Neugeborenen ist nicht selten. Wegziehen und an einem anderen Ort eine neue Existenz aufbauen scheitert oft daran, dass die Frauen keinen Schulabschluss und keine Ausbildung haben, das zwingt sie wiederum, Männer kennenzulernen, um einen zu finden, der sie heiratet. So kann es vorkommen, dass eine Frau vier oder fünf Kinder von verschiedenen Männern hat.
Am Nachmittag besuchten wir das Spital von Nyasoso. Auf der staubigen Strasse fuhren immer wieder Motorräder an uns vorbei, einige rücksichtsvoll und andere in einem solchen Tempo, dass wir stehen bleiben mussten, weil der Staub so hoch und dicht aufwirbelte, dass nichts mehr zu sehen war. Unterwegs erfuhr ich, wie Nyasoso zu seinem Namen kam. Der Ort liegt in der Nähe des Flusses „Soso“, und weil „Nähe“ in Englisch „near“ heisst und dieses „Near“ in der Schreibweise in Pidgin zu „Nya“ geworden ist, heisst der Ort übersetzt: in der Nähe des Soso
Das frühere Healthcentre ist heute ein Spital. Für uns Europäer schien der äussere Eindruck nicht sehr vertrauenserweckend, die Einrichtung war sehr rudimentär. Das Labor, einfach eingerichtet und in den Zimmern für die Wöchnerinnen standen einfache Holzbetten ohne Matratze. Ob diese mitgebracht werden müssen, entzieht sich meiner Kenntnis. An den Fenstern und Türen fehlten oft die lebenswichtigen Moskitonetze oder sie waren stark beschädigt. Der „Gebärsaal“ verdiente den Namen eigentlich nicht... und die Ambulanz auch nicht…
Am Vorabend der Abreise nach Kumba wurde ein grosses Fest gefeiert. Zusammen mit den Frauen aus dem Ort wurde gekocht. Spinatähnliches Gemüse musste von den Stängeln gezupft, gewaschen und fein gehackt werden, das konnte man mit uns noch machen, Feuer entfachen und am Leben erhalten ging auch noch, doch bei den Vorbereitungen für Egusi-Pudding, das Fufustampfen, Peppesoup zubereiten und die Schnecken aus ihren Häusern zu nehmen und zu säubern, das ging dann nicht mehr. Da hatten auch nicht mehr alle zugeschaut. Der flache Stein auf dem die Köchin den Knoblauch und andere Gewürze reibt, ist ein unverzichtbares Gerät in der Küche. Bei der Hochzeit bekommt jede Braut einen solchen Stein geschenkt, der hauptsächlich in den Flüssen gefunden wird. Durch den Rauch der offenen Feuer roch man den Duft von gebratenem Fleisch, Tomaten und Gewürzen, das Wasser sammelte sich im Mund und man begann zu überlegen, wann wohl zu Tisch gebeten würde, denn der Magen meldete sich hörbar. Es wurde fleissig probiert und gewürzt und wir durften direkt aus den Pfannen kosten. Als der Kochlöffel mit den gebratenen Schnecken dann plötzlich vor meiner Nase war, habe ich die Sauce laut gerühmt wie köstlich sie sei… und den Löffel den neben mir Stehenden weiter gereicht. Nach und nach waren die Spezialitäten des Dorfes fertig gekocht und die stolzen Köchinnen präsentierten die Speisen auf dem Tisch im Aufenthaltsraum. Die geladenen Gäste und die Ehrengäste hatten Platz genommen und nach den Ansprachen und dem Tischgebet war die Tafel eröffnet. Die Kamerunerinnen genossen das Festessen so wie wir. Seit dem frühen Morgen waren sie schon an der Arbeit, aber von Müdigkeit keine Spur. Dann wurde getanzt und gesungen und gelacht bis weit in die Nacht hinein.
Unter einem sternenübersäten Himmel machten wir uns auf den Weg in unsere Zimmer. Ich konnte mich kaum sattsehen an diesem Nachthimmel.
Zu unserer Abreise am nächsten Morgen waren alle gekommen und wünschten uns eine sichere Fahrt nach Kumba. Alle Gepäckstücke waren verladen, alle Personen fanden Platz in den Autos und gegen Mittag waren die ersten in Tombel angekommen wo wir wieder in unseren Bus umstiegen. Weiter ging die Reise nach Kumba. Am späteren Nachmittag trafen wir dort ein. Wir bezogen unsere Zimmer und beim Nachtessen im Churchcentre langten wir bei Spaghetti mit Tomatensauce herzhaft zu.
Kumba ist die grösste Stadt der Südwestprovinz im Landesinnern. Die wichtigsten Strassen hatten einen Teerbelag, die anderen staubten um die Wette. Der Markt ist sehr gross und einige von uns gingen auf die Suche nach Verpackungsmaterial um all die Kostbarkeiten zu verpacken die während der Reise so dazu gekommen waren.
Ein Besuch in der theologischen Fakultät mit einer Einladung zum Mittagessen war sehr spannend. Der Dean, Rev. Dr. Muyo Ngwalem begrüsste uns in seinem Büro. Leider war seine Zeit sehr beschränkt, denn die Studenten schrieben an diesem Tag ihre Examen. Wir wurden auf dem Gelände herumgeführt und sahen im Gras das Fundament worauf dereinst die neue Bibliothek zu stehen kommt. In der neuen Kapelle beeindruckte zu unserer Begrüssung der Studentenchor mit einer Stimmgewaltigkeit, dass die Scheiben klirrten, hätte es denn welche gehabt.
Die letzten Tage unseres Aufenthaltes in Kamerun sind gekommen. Mit dem Bus fuhren wir von unserem Hotel in die Stadt Limbe hinein. Malerisch liegt sie in einer Bucht am Meer. Wunderschön gelegen mit dem Charme eines Kleinstädtchens. Am grossen Markt stiegen wir aus und spazierten der Strasse entlang zur Küste hinunter. Andere wollten nochmals den Markt besuchen. An der Strasse trafen wir auf einen jungen Schreiner. Seine ausgestellten Nachttischchen neben dem Bett beeindruckten durch sehr sorgfältige und gekonnte Arbeit. Sein Ziel war das Polstern von Sesseln zu lernen. Er erzählte, er müsse für das Holz, um Tische, Stühle, Betten Schränke usw. zu schreinern, inzwischen bis nach Jaunde fahren, weil es hier nichts mehr gibt…
Es war Samstag, normalerweise sind die Leute nicht mehr bei der Arbeit, aber in der Druckerei von Presprint war Schichtbetrieb. Wir hörten das Lachen der Frauen beim Nähen von Buchseiten. Als wir vom Chef der Gruppe der Freelancer die Erlaubnis bekommen hatten, durften die Damen bei der Arbeit fotografiert werden. Die Auftragslage von Presprint sei zurzeit sehr gut, erzählte uns der Wächter Mr. Ruben. Das ist insofern sehr gut, meinte er, herrsche doch eine hohe Arbeitslosigkeit in Kamerun besonders unter den Jugendlichen. Im angrenzenden Gebäude ist eine Filiale vom Handycraftcentre Prescraft untergebracht. Hier trafen wir wieder alle zusammen um wieder nach Bakingili ins Hotel gefahren zu werden, bevor wir zum Abschluss unserer Reise ein gemeinsames Abendessen am Strand bei Sonnenuntergang geniessen sollten.
Aber vorher kam der eigentliche Höhepunkt, schwimmen bei Badewannentemperaturen im Atlantik.
Sibylla Iten, Vorstandsmitglied der Basler Mission

