Der Untergang der Van Imhoff

Die Van Imhoff
Graphik der Katastrophe

Vor 70 Jahren ertranken vor der Küste Sumatras über 400 deutsche Zivilinternierte auf einem holländischen Schiff, das von japanischen Bombern versenkt worden war. Unter den Toten waren auch 20 protestantische Missionare, fünf davon aus der Basler Mission.

Als am 10. Mai 1940 deutsche Truppen die Niederlande besetzten begann die Kolonialverwaltung im damaligen „Niederländisch Indien“ dem heutigen Indonesien   alle  2.436 Deutschen in  Lagern zu internieren. Die Kolonien in Übersee wurden von der niederländischen Exilregierung in London regiert. Die Deutschen, die damals in Lager gesteckt wurden waren Angehörige der Kolonialverwaltung und deren Familien: Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler, Pflanzer, Erdölexperten, Diplomaten, Kaufleute und Seeleute einige davon waren jüdischen Glaubens. Unter den Internierten waren auch das gesamte aus Deutschland und Österreich stammende Personal der katholischen und evangelischen Missionsstationen. Am 14. Dezember 1941 waren japanische Truppen auf Borneo gelandet und im Februar 1942 auf Sumatra. Da Deutschland mit Japan verbündet war beschloss die niederländische Kolonialverwaltung im Januar 1942 die Internierten in die britische Kronkolonie Indien zu verschiffen. Zwei dieser Transporte mit niederländischen Schiffen gelangten tatsächlich nach Bombay. Das dritte Schiff, das für einen solchen Transport genutzt werden sollte, war der Frachter Van Imhoff, benannt nach dem Deutschen Gustav Wilhelm Baron van Imhoff der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Generalgouverneur in Batavia, dem heutigen Jakarta, der oberste Repräsentant der Holländischen Ostindiengesellschaft im holländischen Inselreich war.   Die Van Imhoff legte am 18. Januar 1942 im Hafen Sibolga ab– ohne als Gefangenentransport gekennzeichnet zu sein. 48 Besatzungsmitglieder, 62 holländische Soldaten und 478 Deutsche Zivilinternierte – zusammengepfercht in Käfigen – befanden sich an Bord. „Eine unerträgliche Hitze und ein furchtbarer Gestank füllten die Räume“, erinnerte sich einer der Überlebenden 25 Jahre später. „Wir bekamen fast nichts zu essen, und was noch schlimmer war, nur unzureichend zu trinken“, erinnert sich Heinrich Seitz, der für die kath. Steyler Mission als Bruder Aloysius in Niederländisch-Indien war und seinen Lebensabend im Missionshaus St. Wendel verbrachte. Er war der einzige Überlebende der 19 Mitglieder seiner Missionsgesellschaft auf dem Schiff, die 1875 im holländischen Steyl von dem Deutschen Arnold Janssen gegründet worden war.

Am 19. Januar 1942 griff ein japanisches Flugzeug die Van Imhoff in der Annahme an, dass es sich um einen niederländischen Truppentransporter handle. Beim Sinken der Van Imhoff ging die gesamte niederländische Mannschaft, als erster Kapitän Hoeksema, in die fünf großen fast leeren Landeboote, alle überlebten. Den deutschen Gefangenen überließ ein flüchtender holländischer Feldwebel am Ende lediglich den Schlüssel ihrer Verließe. Den fast 500 deutschen Zivilinternierten, sofern sie noch aus ihren Käfigen sich befreien konnten, blieb nur noch ein kleines Rettungsboot, das die Holländer zurückgelassen hatten. Auf diesem Boot konnten sich etwa 50 Schiffbrüchige retten, weiteren 20 gelang es im Meer oder auf Flößen den Haien zu entkommen und sich auf die 50 Milen entfernte  Insel Nias zu retten. Nur der Deutsche Stephan Walkowiak wurde von den Holländern auf eines ihrer Rettungsboote gelassen und gerettet. Freundliche Niasser, darunter auch ein holländischer Pastor namens Ildefons van Straalen versorgten die Geretteten mit Nahrung und Getränken.

Auch das die Unglücksstelle passierende holländische Motorschiff „Boelongan“ lehnte es ab die Schiffbrüchigen aufzunehmen, als es hörte, dass es sich um Deutsche handelte. Bei diesem Unglück starben 411 zivilinternierte Deutsche, darunter 20 protestantische und 18 katholische Missionare sowie der in Bali lebende deutsche Künstler Walter Spies. Unter den Toten waren auch die Mitarbeiter der Basler Mission: Hermann Reiter (46), Karl Riedel (66), Hugo Schweitzer (38), Gustav Trostel (36), Samuel Weisser (51). 67 Männer erreichten Nias, wovon 65 überlebten. Am nächsten Tag wurden die Überlebenden auf Nias wieder von Holländern gefangen genommen. Einheimische Indonesier befreiten jedoch die Deutschen und verbündeten sich mit ihnen und setzten am Palmsonntag 1942 die holländische Verwaltung ab. Die Japaner waren inzwischen schon auf Sumatra und Java gelandet und hatten nun ihrerseits die Niederländer in Internierungslager gesperrt.

Holländisches Vertuschen bis heute

In der Nachkriegszeit stellte sich heraus, dass Niederländische Marinedienststellen auf der Insel Sumatra die Kapitäne der Evakuierungsdampfer angewiesen hatten, deutsche Schiffbrüchige bewusst nicht zu retten. Das niederländische Verteidigungsministerium dementierte dies allerdings später: Man habe die deutschen Zivilisten retten wollen – aber nicht können. Schuld seien schlechte Wetterbedingungen und weitere Angriffe durch die Japaner gewesen – Behauptungen, die sich weder mit Zeugenaussagen noch mit Logbuch-Einträgen deckten. Die Überlebenden sprachen von einem Kriegsverbrechen und zwangen die niederländische Justiz, eine Untersuchung einzuleiten. Die juristische Untersuchung des Falles wurde jedoch im Jahre 1956 mit der Begründung eingestellt, dass kein hinreichender Grund für einen Strafantrag zu finden sei. "Van Imhoff"-Kapitän Hoeksema konnte sich später "an nichts mehr erinnern“. Als 1984 das Buch von Loe de Jongs „Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog“ (Das Königreich der Niederlande im Zweiten Weltkrieg) herauskam, wurde bekannt, dass bereits 1964 von dem Team der sozialistischen holländischen Rundfunk - und Fernsehanstalt "Vara" eine Dokumentationssendung über den Vorfall produziert worden war. In diesem Dokumentarstreifen kamen auch viele deutsche Überlebende des Unglücks zu Wort.  Kurz vor Ausstrahlung der Sendung wurde Vara-Chef Jan Rengelink ins Haager Verteidigungsministerium bestellt wo er belehrte wurde, dass „es nicht unsere Sache sei, diese Fehler der Holländer zu enthüllen". Die "van Imhoff"-Sendung wurde vom Programm abgesetzt. Als 1984  der Regisseur Dick Verkijk erneut einen Versuch startete das Aussenden seiner Dokumentation zu erreichen, hieß es, die Sendung sei mittlerweile gelöscht worden.

Zwei Gedenktafel in Nias

Am 19. Januar 1963, zum 20. Jahrestag der Tragödie, wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg ein Gedenkstein für die Opfer der Van Imhoff-Katastrophe vor der Insel Nias eingeweiht. Vielen Menschen in Deutschland wurde die Insel Nias bekannt, als sich Weihnachten 2004 die Tsunamikatastrophe  und  Ostern 2005 ein gewaltiges Erdbeben auf dieser Insel ereignete und die Welt entschlossen den Opfern  zu Hilfe eilte, als man über die Medien sehen konnte, welches Ausmaß die Katastrophen hatten. Im Rahmen der deutschen Wiederaufbauhilfe wurde damals auch eine Gedenktafel in der ev. Kirche von Teluk Dalam errichtet mit der Inschrift: „407 Deutsche starben beim Untergang des niederländischen Schiffes Van Imhoff, 66 konnten mittels eines Rettungsbootes überleben. Als sie an der Küste von Süd-Nias, westlich von Teluk Dalam, landeten, begrüßte sie ein holländischer Missionar mit den Worten: ‚Wir sind Jesus-Leute von der Barmer Mission.’ Missionar Weiler antwortete: ‚Wenn das so ist, dann sind wir ja Brüder!’“ Für die umgekommenen Mitglieder der Steyler Missionsgesellschaft hat die katholische Bischofskonferenz Indonesiens einen eigenen Gedenkstein bei Gunug Sitoli, der Hauptstadt von Nias errichten lassen.

Anfang 2012, Bodo Bost