Dorothea Schweizer

Dorothea Schweizer - Ein Leben für Mission, Oekumene und Diakonie

I. WURZELN

Wurzeln sind ungeheuer wichtig für jedes Leben, wenn es einigermaßen gelingen soll. In Korea gibt es diese unglaublich schönen Kiefernbäume, schmaler Stamm, aber weitausladende Zweige, die allen Stürmen und Wettern standhalten. Ihr Geheimnis: Viele tief in der Erde verankerte Wurzeln, die ihnen Sicherheit verleihen, Nahrung zuführen und zuverlässig Halt geben.

Ich bin tief davon überzeugt, dass wir Menschen auch solche Wurzeln brauchen, zu denen wir irgendwie immer wieder zurückkehren können – in Gedanken, in Erinnerungen. Bei mir war es die Mutter, die mir in den ersten Lebensjahren Geborgenheit vermittelte. Der Vater war weitgehend abwesend – als Soldat im Krieg, später in der Kriegsgefangenschaft.

Und wir in der Heimat – ich hatte noch drei Geschwister - lebten in Furcht und Schrecken vor den zahlreichen Tieffliegerangriffen, den Bombennächten und dem angstvollen Hin und Her zwischen Wohnung und Keller und den großen Sammelbunkern. Meine Mutter, die von Haus aus eher schüchtern und auch ängstlich war, legte in jener Zeit eine erstaunliche Furchtlosigkeit an den Tag.

Auch nach Ende des Krieges, nachdem Freudenstadt durch Artilleriebeschuss dem Erdboden gleichgemacht worden war, fand sie Wege und Mittel irgendwie Nahrungsmittel zu organisieren. Zu kaufen gab es so gut wie nichts. Wir hungerten uns so durch die Tage und machten uns, der Not gehorchen, in Gefolgschaft der Mutter mit dem Leiterwagen auf den Weg in umliegende Dörfer, um Ähren zu sammeln, liegengebliebene Futterrüben aufzusammeln und bei den Bauern um Hilfe zu bitten.

Als dann endlich der Vater wieder da war, mussten wir ihn ganz neu kennenlernen. Er musste gleich mehrere Pfarrgemeinden übernehmen und war dadurch auch wieder viel „weg“. Trotzdem war er bald wieder so eine Art „Fels“ in der Familie. Man kam nicht an ihm vorbei, aber man konnte sich auch an ihm festhalten, ihn herausfordern, sich an ihm reiben und spürte doch, dass die Liebe stärker war und er jemand ganz Verlässliches war. Wir Kinder erlebten ihn als streng! Aber er war auch mit sich selber streng. Er verlangte Disziplin und Zielstrebigkeit, er war ungeheuer arbeitsam, und doch nahm er sich auch Zeit für uns, machte wunderschöne Wanderungen mit uns, nahm uns mit in die Gemeinden, die er immer zu Fuß erreichen musste.

Ich habe später so viel an dieses Elternhaus gedacht! Die Eltern waren irgendwie immer „präsent“. Die warmherzige, empfindsame Mutter, und daneben der etwas kühle, nüchterne und streng wirkende Vater. Es war eine Kraft, die von ihnen ausging, die mich im Leben immer begleitet hat, so ein Grundgefühl des Gehaltenseins, nicht zuletzt durch ihren Glauben und ihre Gebete.

II. WEGSTATIONEN

Mein sehnlichster Wunsch von Kindesbeinen an, sollte sich leider nicht erfüllen. Das Studium der Kirchenmusik habe ich zwar begonnen, aber leider nicht zu Ende bringen können, weil meine körperliche Konstitution den Anforderungen nicht gewachsen war. Das stundenlange Üben in den damals sehr kalten Kirchen, verursachte eine Nervenentzündung in den Armen, die dann natürlich die Laufbahn der Kirchenmusikerin unmöglich machte.

Ich erlernte den Beruf der Kinderkrankenschwester an den Städtischen Kinderkliniken der Stadt Stuttgart, spürte aber schon bald nach dem Staatsexamen, dass mir etwas Entscheidendes fehlt.

Die bis dahin total ungeliebte Vorstellung -Mutter und Vater hatten dort ihre Erbspuren-, mich für einen Einsatz bei der BM zur Verfügung zu stellen, verschwand nicht mehr aus meinem Bewusstsein. Mit dem Resultat: Nach zweijähriger theologischer Ausbildung im Kloster Denkendorf und einem Sprachstudium Grossbritanien, fand ich mich 1965 zum 9 monatigen Ausreisekurs im Missionshaus in Basel ein. Nach einem bewegenden Jahr in Basel wurde klar, dass mich die BM nach Hongkong schicken wollte zur Mitarbeit in der „Tsung Tsin Mission“, der chinesischen Hakka-Kirche, vor allem für den Religionsunterricht an einem ihrer Gymnasien. Sich für Missionsarbeit zur Verfügung zu stellen, hieß damals noch „lebenslang“. Die vierwöchige Schiffsreise von Genua nach Hongkong war schon ein symbolischer Auftakt dazu.

HONGKONG

Hongkong war schon damals eine internationale Stadt, quicklebendig, quirlig, ungeheuer faszinierend, und bei allem englischen Touch – war ja britische Kronkolonie – doch auch ganz chinesisch. Das chinesische Festland war zu jener Zeit noch hermetisch abgeriegelt, und die Vorstellung, dass sich da irgendwann eine Öffnung ereignen könnte, war ein Traum, der nicht einmal geträumt werden durfte.

Für unsere Freunde in der Hakka-Kirche war dieses Thema absolut tabu. Viele von ihnen waren dem kommunistischen Reich entflohen und waren noch schwer gezeichnet von ihren Erfahrungen unter der sozialistischen Gewaltherrschaft.

Um so erstaunlicher war, wie sie die Kirche in Hongkong mit aller Energie versuchten wieder zu neuem Leben zu erwecken und – in Zusammenarbeit mit dem Hongkonger Christenrat, dem Lutherischen Weltdienst und internationaler Hilfe – sich den unvorstellbaren sozialen Problemen und der davon betroffenen Menschen anzunehmen. In meinem normalen Schulalltag hätte ich nicht so viel davon mitbekommen, hätte ich mich nicht darauf eingelassen, mit Kolleginnen zusammen und unseren Pfarrern in die riesigen Elendsviertel zu gehen und Schüler und Gemeindeglieder vor Ort zu besuchen. Auch war ich immer wieder mit den Krankenschwestern der BM unterwegs, die eine weitverzweigte ambulante Klinikarbeit aufgebaut hatten.

Nach annähernd sieben Jahren Hongkong war Asien keineswegs abgeschlossen. Es sollte mir sozusagen zum Schicksal werden.

Wenige Jahre nach meiner Rückkehr nach Deutschland erhielt ich über den Präsidenten der BM eine erneute Anfrage zur Mitarbeit in Südkorea. Weder die BM, noch die EMS, auch nicht die EKD hatten bislang partnerschaftliche Verbindungen mit südkoreanischen Kirchen. Der Wunsch, solche aufzubauen, kam von der koreanischen Kirchenleitung, einer Presbyterianischen Kirche, und von einigen namhaften koreanischen Persönlichkeiten. Im Austausch mit einem koreanischen Pfarrer – Pfr. Park Jong Wha – wurde ich dann in die PROK gesandt und dort für eine Mitarbeit an einem theologischen Institut freigestellt.

KOREA

Was ich dann in den folgenden 12 Jahren dort erlebte, lässt sich nicht in ein paar Sätzen schildern. Deshalb nur ein paar Stichworte:

1.     Diktatur

Südkorea litt seit Ende der Sechziger Jahre unter einem grausamen diktatorischen Regime. Menschenrechtsverletzungen all überall, Ausbeutung der Menschen, Verhaftungen, Folter, Todesurteile, Notstandsgesetze, ein perfekt funktionierender Geheimdienst, keine Presse–, Rede– oder Versammlungsfreiheit, Beschattung durch den koreanischen Geheimdienst all überall.

Im Volk regte sich Widerstand, an den Universitäten, in den Fabriken, unter den Bauern und Bergarbeitern und bald auch in manchen Kirchen.

2.     Teilnahme am Widerstand

Mein Chef am Theologischen Institut, Prof. Dr. Ahn Byung Mu, gehörte mit zu den Unterzeichnern einer Deklaration am 1. März 1976 in der Hauptkathedrale in Seoul, die zu einer riesigen Verhaftungswelle führte. Auch er wurde verhaftet, wie viele namhafte Uni-Professoren, Pfarrer, Schriftsteller, Journalisten, Arbeiterinnen und Studenten. Aber der Widerstand formierte sich erst recht und gleichzeitig eine unerhörte Solidaritätsbewegung. Trotz riesigem Druck vonseiten des Geheimdienstes, der Polizei und sogar des Militärs gab es unzählige Christen und einzelne Kirchengemeinden, die das Unrecht, das große Teile der Bevölkerung tagtäglich erleiden mussten, um den wirtschaftlichen Aufschwung voranzutreiben, nicht länger dulden konnten.

In der Begegnung mit vielen der Betroffenen und ihrer Angehörigen habe ich in jenen Jahren zutiefst erfahren, was „Nachfolge“ wirklich bedeutet und wie eine „Bekennende Kirche“ im Ernstfall aussehen muss. Hier geschieht eine leidenschaftliche Teilhabe am Leiden der Mitmenschen, die ihren einzigen Grund im leidenschaftlichen Mitleiden Gottes mit seiner gequälten Menschheit hat.

In Korea ist damals eine einheimische Theologie – die sog. „Minjung-Theologie“ entstanden, die versuchte, die Botschaft der Bibel immer wieder neu von der Lebenswirklichkeit der Menschen, vor allem der leidenden Menschen, der an den Rand gedrängten und ausgegrenzten Menschen inspirieren und auch korrigieren zu lassen. Und viele Pfarrer und Pfarrerinnen haben versucht, diese Theologie ganz praktisch zu leben, indem sie in die Elendsviertel gingen und dort ihr Leben, einfach alles, mit den Slumbewohnern zu teilen. Bis heute hat mich ihr Beispiel nie mehr losgelassen. Sie waren und sind wirkliche Boten, Botschafter des Glaubens und der Liebe Gottes.

3.     Diakonia Schwesternschaft in Korea

Ich möchte an dieser Stelle nur ganz kurz erwähnen, wie es überhaupt dazu kam, dass diese Schwesternschaft entstand und ich in Verbindung mit diesen Schwestern kam.

Neben meiner Arbeit im theologischen Institut, meiner Vermittlerrolle (Brückenfunktion) zwischen Korea und Deutschland, der Unterstützung und Begleitung vieler leidender Familien, bat mich Prof. Ahn eines Tages ihn doch dabei zu unterstützen, eine evangelische Schwesternschaft aufzubauen. Das war einerseits ein lebenslanger Traum von ihm gewesen, andererseits hatte er während seiner Promotion hier in Deutschland die Diakonissenbewegung und ihre große und fast flächendeckende diakonische Arbeit kennen gelernt. Das wollte er unbedingt in Korea auch ins Leben rufen, weil ihm bewusst wurde, dass es solch geistliche Zellen und ihr großes diakonisches und soziales Engagement in seinem Heimatland, zumindest auf evangelischer Seite, überhaupt nicht gab.

Es war eine große Herausforderung für mich, denn ich hatte ja selber keinerlei Erfahrungen mit Glaubens–, Lebens– und Dienstgemeinschaften.

Durch Gottes Gnade ist diese Schwesternschaft tatsächlich entstanden. Sie feiert bald ihr 35-jähriges Bestehen. Wenn auch inzwischen eine kleine Zahl von nur 9 Schwestern, leisten sie mit Hilfe von vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern aus den Kirchengemeinden, aber auch Fachkräften, eine hervorragende Arbeit, im sozialen Bereich, wie auch mit ihrer geistlichen Kraft und gelebten Spiritualität, mit der sie zur Erneuerung der Kirche und einer „gesünderen“ Gesellschaft im ganzheitlichen Sinne, beizutragen versuchen. Sie verkörpern im modernen, globalisierten Korea eine ganz wichtige Vorbildfunktion, weil sie christliche Werte nicht nur „predigen“, sondern ganz praktisch leben.

RÜCKKEHR nach DEUTSCHLAND

Wie man sich vielleicht leicht vorstellen kann, war die endgültige Rückkehr nach Deutschland, 1991, nach fast 20 Jahren Asien kein leichtes Unterfangen, zumal der Oberkirchenrat in Stuttgart beschlossen hatte, mir ein Landpfarramt anzuvertrauen. Ich war ja einige Jahre zuvor während eines Deutschlandaufenthaltes durch Ordination in den Pfarrerstand aufgenommen worden. Das erforderliche Zusatzstudium sollte ich nun berufsbegleitend absolvieren. Ich war inzwischen 53! Die Herausforderung war – erheblich! Im Rückblick darf ich allerdings sagen, dass die Arbeit in und mit der Gemeinde mich tiefgehend beglückt und erfüllt hat. Ich bin dankbar, dass mir diese Erfahrung geschenkt worden ist.

Im RUHESTAND, der mich wunderbarerweise nach Stuttgart geführt hat, begann dann doch noch mal ein ganz neuer Lebensabschnitt mit ganz neuen Aufgaben und freiwilligen Pflichten. Kurz nachdem ich meine ehrenamtliche Mitarbeit im Hospiz Stuttgart aufgenommen hatte und mich für Gottesdienstvertretungen bereit hielt, kam die „Mission“ ohne mein Zutun wieder zu mir zurück. Mitarbeit in den beiden Vorständen der BM, enge Kontakte zum Ostasienreferat der EMS mit mancherlei Aufgaben, und schließlich die Berufung in den Missionsrat und das Präsidium der Synode und in den Geschäftsführenden Ausschuss der EMS, hat mir noch mal ganz neue Türen geöffnet zu intensivsten internationalen Begegnungen, ökumenischem Miteinander und auch notwendigen Veränderungen in den Beziehungen mit unseren Partnern.

Abschließend kann ich nur mit tiefer Dankbarkeit feststellen: Das Leben, das Gott mir bis hierher geschenkt hat, war wirklich „lebenswert“, erfüllt mit vielen beglückenden Erfahrungen und vor allem einen Reichtum an Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, die mich tief beschenkt haben. Und wenn’s durch Täler und Tiefen ging – die waren nicht knapp bemessen, wenn ich nur an den Kampf mit den schweren asiatischen Sprachen denke – dann war da die Erfahrung des Getragenseins und Hindurchgetragenwerdens von Gott, aber auch von vielen Freunden, Mitmenschen und der Familie.

Und irgendwie, und auf wundersame Weise schließt sich der Kreis, indem ich nun hier in der Hausgemeinschaft der Diakonissenanstalt in Stuttgart eine Heimat gefunden habe.

Mission, Oekumene und Diakonie– eine wichtige Klammer, die fast mein ganzes Leben umschließt.